Archiv
Theatertreffen

Internationales Forum 2012 – Stimmen zum Motto

Teilnehmer des Internationalen Forums 2012 zum Motto „Unterwegssein als neues Zuhause“.

Susanne Kenney

Susanne Kennedy, Amsterdam
Teilnehmerin Internationales Forum 2007

Was das Motto „Unterwegssein als neues Zuhause“ betrifft: ich bin gerade mittendrin – und es ist nicht gerade einfach ... Ich habe manchmal das Gefühl, als ob ich zwischen allen Stühlen sitze und mich nirgendwo mehr zu Hause fühle. Und wenn man einmal unterwegs ist kann man dann wieder zurück?

Sibylle Dudek

Sibylle Dudek, Berlin
Teilnehmerin Internationales Forum 2009

Ich denke, viele Theaterschaffende fühlen sich der Logik und dem Anspruch von absoluter Flexibilität ausgeliefert. Wir sind Avantgardisten der Lebensweise „unterwegs zuhause“, so wie wir Spezialisten in Selbstausbeutung sind. Das ist manchmal geradezu grotesk: Auf der Bühne wird Kapitalismuskritik geübt und Wachstumslogik kritisch beleuchtet, während das eigene Leben und Arbeiten im Theater längst unter den gleichen Vorzeichen steht: Immer mehr produzieren! Flexibler werden! Die eigenen Bedürfnisse unterordnen! Früher oder später wird der Arbeitsmarkt das wohl von immer mehr Menschen verlangen …

Marco Štorman

Marco Štorman, Berlin
Teilnehmer Internationales Forum 2009

„Unterwegssein als neues Zuhause“ trifft komplett meinen derzeitigen Verzweiflungszustand. Es meint den Widerspruch. Es ist nicht möglich, eine Identität zu behaupten ohne örtliche Verankerung. Wir sind im freien Fall. Links und rechts kein Halt. Womit soll ich mich identifizieren, wenn ich keinen Rückzugsort habe. Mobil sein, effizient sein, der Mensch macht sich zur Maschine. Wo bleiben Vertrauen und Träume, Utopien? Theater verkommt mehr und mehr zu einem Lifestylebetrieb. Man erfüllt das Bild eines Theaterschaffenden. Eines erfolgreichen, mobilen, eloquenten Künstlers, der keine Form von sozialer oder örtlicher Verbundenheit oder Verlässlichkeit hat, weil er sich jederzeit Alles und Jeden warm halten muss.

Rania Mlehi

Rania Mlehi, Budapest
Teilnehmerin Internationales Forum 2009

Aufgrund der gegenwärtigen politischen Situation sind gerade viele Syrer wie ich unterwegs und sie wissen nicht, wohin sie gehen können, was sie dort machen sollen und wie sie ein Visum bekommen können. Mit einem Visum kann man maximal 3 Monate im Land bleiben. Ich selbst bin seit Dezember 2010 unterwegs und es ist offen, wie es weitergeht.

Jonas Zipf

Jonas Zipf, Jena
Teilnehmer Internationales Forum 2011

Wir vom O-Team / Team Odradek waren in den vergangenen Jahren nicht nur überaus mobile Zeitgenossen, sondern regelrechte Nomaden. Meistens haben wir als sogenannte Zwischennutzer in den von uns gekaperten und bespielten Gebäuden gewohnt. Insofern war Unterwegssein tatsächlich unser Zuhause. Dieses Verschmelzen von Arbeit und Leben haben wir beispielsweise in „Unterwegs nach Tschevengur“ verarbeitet.

Auch in meiner neuen Funktion als Dramaturg / künstlerischer Leiter des Theaterhauses Jena spielt diese Form des Unterwegs-Seins eine große Rolle. In der kommenden Spielzeit wird unsere Bühne umfassend renoviert und umgebaut. Wieder müssen wir uns also auf den Weg machen und nach neuen Spielstätten suchen, die wir bespielen und behausen können. Alles bleibt anders: Obwohl ich mittlerweile an einem festen Haus angekommen bin, ist das Unterwegs-Sein auch weiterhin mein Zuhause.

Kathrin Yvonne Bigler

Kathrin Yvonne Bigler, London
Teilnehmerin Internationales Forum 2008

In den letzten vier Jahren war ich kaum länger als einen Monat am gleichen Ort und würde sagen: Unterwegssein ist kein neues Zuhause, sondern ein Lebensentwurf. Denn ein Zuhause habe ich darin bislang nicht gefunden.

Viele Künstler suchen ständig ihr Zuhause – ich denke mittlerweile, dass dieses Zuhause nichts mit einem geographischen Ort, sondern tatsächlich mit einem künstlerischen Zuhause zu tun hat, das man in sich drin findet und überallhin mitnimmt (und auch ständig weitersuchen und neu definieren muss).

An sich finde ich es ein merkwürdiges Konzept, dass Mobilität / viel unterwegs sein und international arbeiten nach Erfolg klingen. In der Tanz/Performanceszene ist es doch aus wirtschaftlichen Gründen kaum möglich, nur an einem Ort zu arbeiten. Unterwegs sein ist eine berufliche Selbstverständlichkeit.

Allerdings denke ich, dass auch innerhalb dieses Lebensentwurfs Grenzen notwendig sind. Ich erinnere mich an einen Schauspieler in New York, der mich fragte: „So, where is your home?“ Ich sagte ihm, dass ich mir da nicht so sicher bin. Und er antwortete leicht ungeduldig: „Where is your stuff? Home is where your stuff is!“

Und irgendwie bin ich einverstanden. Für mich funktioniert der Lebensentwurf ‚Unterwegssein‘ jedenfalls nur, wenn ich einen Ort habe, wo meine Sachen zuhause sind. Nomadentum und Sesshaftigkeit wechseln sich periodisch ab. Ich brauche von beidem ein bisschen.

Shiro Nakano

Shiro Nakano, Tokio
Teilnehmer Internationales Forum 2008

Mit dem Motto „Unterwegssein als neues Zuhause“ assoziiere ich unseren Lebensstil in größeren Städten, wie Tokio. Man vermutet, dass mehr als 80 Prozent der Bewohner nicht aus Tokio stammen. Sie kommen, um zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass sich viele von ihnen in Tokio zuhause fühlen. Ein Kollege aus der Provinz sagte mir, dass es sich anfühlt, als würde er träumen – das Leben in Tokio ist für ihn sozusagen „Virtualreal“.

Das Video spielt im Wiedergabefenster im oberen Seitenbereich ab. Bitte nach oben scrollen.