Programmvorschau 2025/26

Die Werke, die in der Performing Arts Season 2025/26 präsentiert werden, gehen über einfache Darstellungen von Identität hinaus und greifen vielmehr deren Präkarität sowie die Vielfalt ihrer Facetten und Widersprüchlichkeiten auf. Sie erforschen Verbindungen und Unterschiede und betonen nicht das, was uns trennt, sondern das, was uns vereint, sowohl als Individuen als auch als Kollektiv. So stärken sie die Gemeinsamkeiten unseres gemeinschaftlichen Erlebens und die Aussagekraft der darstellenden Künste.

William Kentridges bildstarke und poetische Musiktheaterproduktion „The Great Yes, The Great No” (2024) eröffnet die Performing Arts Season im Oktober. Inspiriert wurde die Arbeit durch ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1941, als Intellektuelle und Künstler*innen, unter ihnen André Breton, Claude Lévi-Strauss und Anna Seghers, per Schiff aus dem vom Vichy-Regime regierten Frankreich nach Martinique flohen. Das Werk erzählt eine Geschichte von Exil, Migration und Kolonialismus. Surreale und historische Ebenen werden mit Hilfe von Masken und animierten Collagen vermischt; Tänzer*innen, Performer*innen, Chorsänger*innen und Instrumentalist*innen finden in einem Geflecht aus verschiedenen, vor allem afrikanischen und karibischen Musikstilen zusammen und das Publikum erlebt eine Reise kultureller Stimmen der Avantgarde auf einem Geisterschiff durch die Zeit bis in unsere Gegenwart.

Im November wird der Choreograf Akram Khan mit „Thikra: Night of Remembering” (2025) seine neue, von den Berliner Festspielen koproduzierte Arbeit vorstellen. In dieser jüngsten Produktion der Akram Khan Company fließen Vergangenheit und Gegenwart in einer Reise durch Traditionen zusammen, die sowohl die Ahnen als auch die Kraft von Ritualen würdigt. Khan lässt sich dabei von verschiedenen Traditionen inspirieren, in denen diese heiligen Praktiken lebendig sind, und bringt dazu ein internationales, ausschließlich weibliches Ensemble von zeitgenössischen und im Bharatanatyam ausgebildeten Tänzerinnen zusammen. Ausgestattet mit Bühnenbild und Kostümen der preisgekrönten bildnerischen Künstlerin Manal AlDowayan erforscht „Thikra“ zeitgenössische Identitäten und bekräftigt zugleich die Gegenwärtigkeit der Ahnen – und lädt das Publikum ein, über Rituale nachzudenken, die unsere gemeinsame Menschlichkeit geprägt haben. 

Für ihre neue Arbeit „Post Orientalist Express“ (2025), ebenfalls eine Koproduktion mit den Berliner Festspielen, taucht die Choreografin Eun-Me Ahn tief in die reichen Traditionen und fließenden Bewegungen Asiens und bietet im November eine farbenfrohe Perspektive auf das Konzept kultureller Identitäten, jenseits eines Gegensatzes von Tradition und Moderne. Ahn, die sowohl schamanische Rituale als auch zeitgenössischen Tanz in Korea und den USA studiert hat, greift Klischees nur auf, um sie ins Gegenteil zu wenden und ad absurdum zu führen. Sie zeigt damit „neue Interpretationen verbotener orientalistischer Fantasiebilder“.

Die Künstlerin, Choreografin, Tänzerin und Regisseurin Ligia Lewis wird im November ihre eigens für den Lichthof des Gropius Bau konzipierte neue Arbeit „Wayward Chants“ präsentieren. Lewis begreift Choreografie als die Bewegung von Ideen durch Körper, welche sie minutiös entwirft, ausgestaltet und inszeniert, sowie als politischen Akt: ein Anschreiben gegen die inhärenten Rassismen von auf Repräsentation beruhenden Systemen und gegen das Verschwinden Schwarzer Stimmen. In Zusammenarbeit mit dem Gropius Bau wird ihre Performance parallel zu ihren Videoinstallationen gezeigt, die in den Nebenräumen des Lichthofs zu sehen sein werden.

Gisèle Viennes und Étienne Bideau-Reys’ Arbeit „Showroomdummies“ entstand bereits 2001 und wird seit nunmehr über 20 Jahren weitergeschrieben. Entwickelt frei nach dem Roman “Venus im Pelz” (1870) von Leopold von Sacher-Masoch, kombiniert das Stück Tanz, Theater und bildende Kunst. Im Mittelpunkt stehen Beziehungen, die auf einem Dominanzverhältnis basieren, und die Grenze zwischen lebendigen und nicht-lebendigen Körpern, in einer Verbindung von Kälte und Sinnlichkeit. In der vierten Ausgabe, „Showroomdummies #4“ (2020), sind im Dezember sechs japanische Tänzerinnen gemeinsam mit Viennes lebensgroßen Puppen auf der Bühne und beleuchten die Entwicklung von Viennes Ästhetik und Thematik während der vergangenen zwei Jahrzehnte.

In Fortsetzung ihrer hybriden Arbeitsweise aus bildender Kunst, musikalischen Bezügen und virtuosem Tanz entwickelt Nina Laisné gemeinsam mit ihrem langjährigen künstlerischen Weggefährten, dem Performer und Choreografen François Chaignaud sowie der argentinischen Sängerin, Komponistin und Autorin Nadia Larcher ein neues Werk. Für „Último helecho“, koproduziert von den Berliner Festspielen und im Januar in Berlin zu sehen, erkundet das Trio den Reichtum südamerikanischer Folkloren als dynamische Grundlage eines zeitgenössischen Diskurses. Aus Elementen von Genres wie Zamba, Huayno und Malambo verknüpft die Arbeit stimmlichen und körperlichen Ausdruck, ohne dass eine Form die andere dominieren würde. Erinnerungen werden geweckt und kulturelle Narrative werden neu gestaltet.

Nach dem Start einer längerfristigen Zusammenarbeit im Rahmen der Performing Arts Season 2024/25 präsentiert Thorsten Lensing im Januar die Uraufführung seines neuen Theaterstücks „Tanzende Idioten“. Die Figuren – verkörpert von Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi und Karin Neuhäuser – macht eine aberwitzige Mischung aus Brutalität und Zärtlichkeit, Anarchie und metaphysischen Instinkten, Daseinsschmerz und Lebenslust aus. „Tanzende Idioten“ wird wieder von den Berliner Festspielen koproduziert und bildet mit der Unterstützung neuer Kreationen einen weiteren Schwerpunkt der Reihe.

Die Performing Arts Season 2025/26 findet vom 16. Oktober 2025 bis 25. Januar 2026 statt. Der Spielplan erscheint im Juli 2025.