Ting-Jung Chen

In ihrer Auseinandersetzung mit Grenzziehungen richtet die taiwanesische Künstlerin Ting-Jung Chen ihren Fokus auf hörbare Geschichte(n) und die Frage, welche Rolle Klang und Musik bei der Herausbildung sozialer Spannungen spielen. Die Historie dient dabei auch als Referenz in einer weitreichenderen narrativen Geste. Die von der Künstlerin dargebotenen Erzählungen beziehen sich auf das Hier und Jetzt, ohne die Rolle von Geschichte(n) bei der Erzeugung kollektiver, generationenübergreifender Erinnerungen zu vernachlässigen. So erscheinen sie wie Strömungen in der Konstruktion nationaler Identifikation.

Dies kommt in einer Reihe von Arbeiten zum Ausdruck, die sich mit Militarismus und Krieg beschäftigen – wozu auch die Idealisierung von Stimmen als nationalistische Symbole gehört. In „Revolutions Per Minute“ (2020) sampelt die Künstlerin dreizehn Siegesreden von Machthabern souveräner Staaten während des Zweiten Weltkriegs.

Durch die Beschäftigung mit den Aufnahmen von Reden und den ideologischen Tonalitäten, die sie sich zunutze machen, entwickelte die Künstlerin ein ausgeprägtes Interesse an akustischer Kriegsführung zwischen Nationalstaaten. So befasst sich ihre Installation „You Are the Only One I Care About (whisper)“ (2018) mit dem Einsatz von riesigen Lautsprechern an der Küste Taiwans, die mit ausgewählten Slogans und Liedern das chinesische Festland beschallten.

Mit ihrer Installation „If She Is Not Sitting In The Room“ (2021) vertieft die Künstlerin das Thema der akustischen Kriegsführung. Dabei eignet sie sich zweiunddreißig von Sängerinnen interpretierte Lieder an, die zwischen 1932 und 1971 in Taiwan als patriotisch galten oder aber verboten waren. Diese komplexen Installationen werfen die Frage auf, wie Klang genutzt werden kann, um Grenzen und Grenzziehungen zu definieren.

Die interaktive Arbeit „Dislocated Voice“ (2022) beruht auf den klanglichen Erinnerungen der Bewohner*innen der taiwanesischen Inselgruppe Kinmen, die der akustischen Kriegsführung zwischen ihrer Regierung und China (1953 – 1992) ausgesetzt waren.

Chen absolvierte ein Studium der Philosophie und beschäftigt sich intensiv mit Skulptur, Ton und räumlichen Umgebungen. Ihr Werk ist von einem tiefgehenden Interesse an der Konstruktion von Unterschieden geprägt sowie der Frage, wie Klang Grenzen erkunden und aufheben kann.

Ting-Jung Chen ist aktuell Fellow des Berliner Künstlerprogramm des DAAD.

Stand: Februar 2025