Die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen
von Georges Perec und Johann Wolfgang von Goethe
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
Uraufführung: 12.10.2024
Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh © Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
Von Gedicht über Hörspiel zu Theaterinszenierung und von Johann Wolfgang Goethe über Georges Perec zu Anita Vulesica, die mit einem spielfreudigen Ensemble „Wandrers Nachtlied“ humorvoll zerpflückt und in überraschenden Kombinationen voller Poesie und Absurditäten wieder zusammenfügt.
1968 schrieb Georges Perec ein Hörspiel, in dem eine Maschine mithilfe von „Programmen“, die Zugriff auf Hintergrundinformationen, Zitate und die Funktionsweise von Sprache haben, Johann Wolfgang von Goethes berühmtes Naturgedicht analysieren soll. Dieses linguistische Experiment, das sich an der damaligen Vorstellung von der Arbeitsweise eines Computers orientiert, wird von Regisseurin Anita Vulesica in ein pseudo-futuristisches Bühnensetting verlegt. Unter einer „Instanz“ sitzen treppenartig angeordnet drei „Speicher“, die den absurden Anweisungen der unerbittlichen Kontrollinstanz folgen. Sie zählen Versfüße und Strophen, verändern und vertauschen die Reihenfolgen der Wörter und Buchstaben – und begehren nach und nach subtil auf. Brillant gespielt und von Vulesica humorvoll in Szene gesetzt, wird hier nicht nur die analytische Arbeitsweise künstlicher Intelligenz aufgezeigt, sondern auch die Funktionsweise von Poesie offenbart – für die es eben doch Menschliches und menschliche Fehlbarkeit braucht. Denn gerade, wenn sich die Speicher in der De- und Rekonstruktion des Gedichts verhaspeln, brilliert die Schönheit der Sprache mit ihren unendlichen Möglichkeiten.
„Wandrers Nachtlied“: Für den französischen Autor Georges Perec (1936 – 1982) bildete Johann Wolfgang von Goethes wohl berühmtestes Gedicht 1968 die Grundlage für sein Hörspiel „Die Maschine“. Darin kommunizieren keine Menschen, sondern Schaltkreise, zerlegt eine Instanz, „Kontrolle“ genannt, den Text in seine Einzelteile. Vier menschliche „Speicher“ sortieren daraufhin Versfüße, vertauschen Substantive und verschlucken Buchstaben. Anita Vulesica bringt Perecs linguistisches Experiment mit sechs höchst virtuosen Darsteller*innen voll fiebriger Spiellust auf die Bühne. Dabei folgt die Regisseurin dem Versuch des Autors, die Welt zu systematisieren und zeigt zugleich, dass es in der Zerbrechlichkeit der Worte einen Zauber gibt, der sich jeder Definition entzieht. So entsteht ein Abend aus tanzenden Silben und über Sprache als Material, aber auch über Macht und Widerstand und über das Schweigen als politische Kraft. Ein irrwitziges Vergnügen, durchwoben von Pausen voll schwereloser Stille. Komisch, ernst, trashig und immer wieder in allen Wipfeln innehaltend.
ZumVideostatement von Jurorin Katrin Ullmann über „Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh“
Programmheft (PDF, 4 MB)
Anita Vulesica – Regie
Henrike Engel – Bühne
Janina Brinkmann – Kostüme
Camill Jammal – Musik
Mirjam Klebel – Körperarbeit und Choreografie
Susanne Ressin – Licht
Phillip Hohenwarter – Video
Christian Tschirner – Dramaturgie
Yorck Dippe, Sandra Gerling, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Camill Jammal, Christoph Jöde