Die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen
von Sam Max
Aus dem Amerikanischen von Wilke Weermann
Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Premiere: 29.9.2024
Double Serpent © Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Können Verletzungen durch ihre freiwillige Wiederholung geheilt werden? Ersan Mondtag verwebt in „Double Serpent“ Sexualität und Traumata zu einem bildgewaltigen, surrealen Thriller, in dem Gewalt niemals gezeigt wird und dennoch omnipräsent ist.
Fesseln, Schnitte und Schläge sind Teil von Connor und Felix’ Liebesleben. Als Felix von einem Ex-Partner des Missbrauchs beschuldigt wird, wird Connor in seine Kindheit zurückversetzt. Die Erinnerung an traumatische Erlebnisse wird wieder lebendig: ein junger Connor im feuchten Keller, isoliert, den illegalen Machenschaften des organhandelnden Stiefvaters lauschend. In einem grünlich-schummrig ausgeleuchteten Gespensterhaus nimmt ein ins Mark gehender Thriller seinen Lauf. Fast körperlos bewegen sich die Schauspieler in der horror-esken Welt der Inszenierung, in der die unterschiedlichen Zeitebenen fließend ineinander übergehen. Ersan Mondtag und sein Team erzeugen mit Sprache, Sound, Licht und eindrücklichen Bildern eine spannungsgeladene Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie, Einvernehmen und Zwang verschwimmen.
Dieses Stück ist für Ersan Mondtags albtraumhafte Theatersprache wie geschaffen. Sinn setzt sich in dem Text von Dramatiker*in Sam Max aus New York wie ein Puzzle zusammen, in dem erst am Ende alle Teile ihren Platz finden. In Mondtags Inszenierung agieren stilisierte Kunstfiguren, deren Schalen nach und nach aufbrechen. Biografisches tritt zum Vorschein, Zeit- und Realitätsebenen werden zuordenbarer. Dafür verunklaren sich die Machtverhältnisse. Sieht man auf Alexander Naumanns Fantasie-Jugendstil-Bühne einer einvernehmlichen schwulen BDSM-Beziehung oder sexuellem Missbrauch zu?
Der junge Connor ist das Zentrum faszinierender Loops aus Licht, Sound und Slow-Motion, in denen Gewalt omnipräsent ist. Sie wird aber selbst in den computeranimierten Videos von Luis August Krawen nie gezeigt. Voyeurist*innen können einpacken: Dieses Gesamtkunstwerk ist auf seine ganz eigene, fast zeremonielle Art verstörend und entwickelt einen hypnotischen Sog.
ZumVideostatement von Jurorin Sabine Leucht über „Double Serpent“
Programmheft (PDF, 2,3 MB)
Ersan Mondtag – Regie
Alexander Naumann – Bühne
Teresa Vergho – Kostüme
Benedikt Brachtel – Musik
Rainer Casper / Steffen Hilbricht – Licht
Luis August Krawen – Video
Till Briegleb – Dramaturgie
Timur Frey – Connor
Lasse Boje Haye Weber – Felix
Felix Strüven – Fake Dad
Jonas Grundner-Culemann – Eric 1 / Eric 2
Statisterie des Hessischen Staatstheaters
Aufführungsrechte: Suhrkamp Verlag AG Berlin